Don Juan

 

 Sein Gesicht sah streng aus, und dass es aus Stein bestand, konn­te diesen Umstand nur geringfügig mildern. Der Status des herrischen Kommandanten lauerte auch in den nach­gebil­de­­ten Zügen. Gussmann jedenfalls ertrug den Anblick nicht, wo­hingegen es Don Juan scheinbar nichts ausmachte, der Ver­sinn­­bildlichung seines toten Feindes ins Gesicht zu sehen.

Angeblich sollen die Steinzeitmenschen ganz besondere Perspektiven bevorzugt haben, um dabei Ausschau nach möglicherweise anrückenden Feinden halten zu können. Das wäre eine Motivation, die im Zeitalter von eifersüchtigen Ehemännern oder Nebenbuhlern auch Don Juan beträfe, wäre er bedächtig veranlagt genug, wie er grinsend dachte. So hörte er kaum hin, was ihm Gussmann von Ehrfurcht gegenüber dem Jenseits erzählte. Don Juan nickte ironisch lächelnd, hielt ab­wechselnd stumme Zwiesprache mit der Statue und dem Diener, er kämmte dem Bildnis die ima­gi­nären Haare, die der arme Kommandant selbst zu Lebzeiten nur ansatzweise sein Eigen nennen konnte.

Ein Festzug war angekündigt, doch er ließ auf sich warten, und durch Gussmanns Gruseln aufgestachelt, fand Don Juan die Zeit, sich weiter mit der Statue zu amüsieren und sich an die Um­stände zu erinnern, unter denen der Kommandant sein Leben gelassen hatte. Eindeutig Notwehr: Gussmann hatte, ängstlich wie immer, vorm Haus seines Feindes Wache ge­standen, während Don Juan sich der zickigen Dona Sowieso angenommen hatte, die mehr oder weniger freiwillig zu seiner Verfügung stand und sich dann entschied, vergewaltigt worden zu sein, nachdem er seinen sofortigen Abschied eingereicht hat­te. Durch die Hilfeschreie seiner missratenen Tochter an­ge­lockt, hatte der Kommandant seine Flucht empfindlich be­hin­dert und leider die Konsequen­zen tragen müssen. Sterbend schwor er Don Juan Rache. So gerade eben noch war dem Genießer dank der Hilfe des ewig schimpfen­den, aber doch loya­len Gussmann die endgültige Flucht gelun­gen. Die paar Alpträume, die er kurz darauf hatte, lagen längst ad acta.

Bewundernd stand Don Juan jetzt vor dem Standbild. Er hätte den Künstler gerne kennengelernt und ausgefragt über die Art und Weise seiner Inspiration. Das eine oder andere in den Zügen des Bildes sah in seiner nachgebildeten Wut echter als das Original aus, wie man so sagt. Es gab nur wenige Dinge, die Don Juan so sehr be­wun­derte wie das Zusammensein mit den Damen von Welt, und die Kunst gehörte natürlich dazu, sah sich doch Don Juan selbst als Künstler. Eigentlich erstaunlich, dass die Umrisse des Fried­hofs diese Art Nähe zur Straße erlaubten. Und wäre ein Platz in der Mitte nicht angebrachter für die Statue gewesen? Der Kommandant galt als überall gefürchteter Kerl und absoluter Verfechter kirchlicher Moral. Da sollte man doch annehmen, dass man seine Statue nicht einfach nur in eine dunkle Ecke stellte...

Endlich, der Festzug. Don Juan konnte sich täuschen, aber es schien ihm, als wäre die von den Musikanten ausgestrahlte Fröhlichkeit gedämpft oder sogar vorgetäuscht. In der Mitte lag eine Frau in einer Sänfte, und zumindest sie sah selbst aus der Entfernung nicht besonders heiter aus. Offenbar han­delte es sich bei ihr um die traurigste Figur der ganzen Auf­führung. Das Ungewöhnliche an ihrer Erscheinung bestand aus ihrer eigenartigen Maskerade, eine Art Verschleierung wie im Orient.

Nachdenklich ließ Don Juan den Zug vorüberstreifen und zog schließlich einen der Knappen zur Seite, um von ihm Aus­kunft über die Funk­tion dieses Festivals zu erfahren. Der Knappe, einfach gestrickt, spürte, dass es mit einer gewöhn­lichen Auskunft nicht getan wäre; sein Gegenüber sah wichtig aus, offenbar ein Edelmann auf einer politischen Reise oder an­deres, nicht wahr? So erzählte er ihm in allen Details, die seine knapp bemessene Zeit erlaub­te, von dem Sinn und Zweck die­ses Hochzeitszuges. Dona Leonora nämlich wurde von ihrem Vater Eu­do zu einem gewissen Don Giovanni nach Barcelona geschickt, um mit ihm verheiratet zu werden. Da die Braut ihren Künftigen nicht kenne, so der Knappe, halte sich ihre Begeisterung in Grenzen.

Don Juan erinnerte sich jetzt. Graf Eudo hatte vor ein paar Wochen im Kartenspiel gegen ihn Haus und Hof verspielt und konnte sich nur mit dem Hinweis auf seine jungfräuliche Toch­ter vor dem Ruin retten. Daraufhin hatte sich Don Juan etwas Be­denk­zeit erbeten und sich dann mit Eudos Vorschlag einver­standen erklärt. Eine mehr in seinem Harem, prima.

Dass er sei­nem Glück mit gezinkten Karten nach­geholfen hatte, ver­stand sich von selbst. Er sah sich eben als Künstler. Gelang­weilt hatte er Graf Eudo seinen Zweit­wohnsitz, den er unter dem Pseudonym Don Giovanni besaß, in Barcelona ge­nannt und das Ganze dann vergessen.

Was er jetzt von Leonora sah, gefiel ihm zwar, aber noch muss­te er vorsichtig sein. Der Schleier machte ihn miss­trauisch. Er berichtete dem Knappen, dass er vom Bräutigam geschickt worden sei, um sich dem Zug anzuschließen. Irritiert hob der Knappe eine Augenbraue. Jedenfalls hielt der Festzug an und befand sich immer noch in der unmittelbaren Umge­bung des Friedhofs. Gussmann stand abseits in der Nähe der Statue und hielt die Arme verschränkt. Als Leonora endlich den Schleier ablegte, atmete Don Juan auf. Obwohl - was hatte er eigentlich zu sehen befürchtet? Den Sensenmann oder was?

Es wäre kein Problem, die Hochzeit auf offener Straße zu feiern und nach der Hochzeits­nacht zu flüchten. Vielleicht würde er nicht mal Lust haben zu flüchten, wer weiß? Es konnte noch sehr interessant werden.

Das sich ansammelnde Publikum brach in Hochrufe aus, als er den Hut und anschließend sein Pseudonym gegenüber Dona Leonora lüftete. Das Fräulein betrachtete ihn kurz und wirkte erleichtert. Die Details über die Art und Weise der Entstehung dieser Vermählung hielt er diskret zurück, von einem gewissen ge­wissen­losen Kartenspiel mussten die Herr­schaf­ten nicht unbe­dingt etwas wissen. Gussmanns übliche Miss­fallens­be­kun­dun­gen gingen unter im Erstaunen der Menge.

"Ich möchte euch noch meinen Trauzeugen vorstellen", rief Don Juan über den Platz und lief zurück zum Friedhof. Ob er nicht Lust habe, mitzufeiern? Bei seiner Frage klopfte er dem Standbild gutmütig auf den Bauch. Sogar Gussmann musste etwas lachen. Das Publikum sammelte sich um ihn und die Statue herum und lachte hysterisch, wie es Don Juan erschien. Zum Abschied zwinkerte er der Statue zu und warf einen vorletzten Blick auf sie. Keine Reaktion? Schade! Aber du bist herzlich eingeladen, mein liebster Feind! Don Juan schickte sich an, sich aus dem Blick­win­kel des Steinbildes zu entfernen und hielt ein letztes Mal Blickkontakt hierzu aufrecht.

Der Kommandant nickte bedächtig und mit einer bemer­kens­­­werten Schwere vor sich hin...


   

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