Der Kampf mit dem Drachen

(c) Olaf Materne nach Schillers gleichnamiger Ballade

 

 Die Trauerfeierlichkeiten im Orden neigten sich ihrem Ende zu. Demütig senkte der junge Kreuzritter den Blick. Fünf Tote hatte es gegeben. Der Meister sah gramvoll aus, wie noch nie zuvor. Für sie alle war klar, was nun kommen würde – das Gebot, das heilige Gebot, den Kampf mit der entsetzlichen Bestie zu meiden, die die Bauern tötete und das Land mit ihrem Atem verseuchte.

Lange hatte er sich geweigert, an ihre Existenz auch nur zu glauben, doch die wenigen Augenzeugen, die eine Begegnung mit der Bestie halb invalid überlebten, klangen überzeugend, und ihre Verletzungen sprachen für sich. Der Meister hielt noch eine Ansprache, die erwartete Bitte an alle Kreuzritter, die Bestie künftig nicht mehr aufzusuchen. Dann zog er sich schlurfend in die Gemächer zurück. Vielleicht ist alles nur eine Frage der Vorbereitung, dachte der junge Ritter. Der Meister war streng und gütig zugleich, so grübelte der Ritter, aber diesen Befehl konnte er nicht ernst gemeint haben. Es ging ihm nicht mehr um die Moral, sondern um das Leben seiner Ritter, die er schützen wollte.

Was schmückt den Jüngling, ehrt den Mann, was leisteten die kühnen Helden, von denen uns die Lieder künden? fragte sich der Junge. Sie reinigten die Welt von Ungeheuern und Heiden. Doch wo die Kraft versagte, war die List gefragt. Oft hat­te er die grauenhaften Spuren des Wesens gesehen. Ei­gentlich hatte er sie sich größer vorgestellt, und der Augenblick dieser Erkenntnis gab ihm das Wissen, das er sich zusätzlich einge­stand, dass eben überall nur mit Wasser gekocht wurde.

Am Tag nach den Trauerzeremonien betrat der junge Ritter die Gemächer des Meisters und erbat sich Urlaub wegen einer Fa­mi­lienangelegenheit. Der Alte küsste ihm die Stirn und seg­ne­te ihn. Auch wenn der Ritter fühlte, dass sein Meister nie­man­den bevorzugen durfte, spürte er, dass er eine besondere Liebe durch ihn genoss.

Der Ritter wusste, dass man seine Schlachten nicht alleine schlug.

Zwei Hunde wählte er aus, nach einem selten edlen Stammbaum, ähnliches galt für den Rappen, den er sich auser­kor. Auf die Jagd zog er mit ihnen und spürte immer größere Beute auf, um seine Tiere – und unverhohlen auch sich selbst – auf die Echse vorzubereiten. Es begann mit Kaninchen und führte zu Wildschweinen. Die Tage zogen dahin, und seine Hun­de hatte er wirklich scharf gemacht, auch sein anfangs ängst­licher Rappe hörte mutig auf jedes Kommando. Mit die­sem unschlagbaren Team wollte er das Unmögliche wagen.

In den Bergen, von Felsen verborgen, wartete das Monster auf seine Beute. Ein letztes Mal pilgerte der Ritter auf den heiligen Berg und bereute seine Sünden. Den Knappen schickte er weg, dieser wäre ihm nur im Wege gewesen. Höchstper­sön­lich schärfte der Recke seine Lanze und machte sich auf den Weg.

Der beißende Gestank des Wesens trieb seinen Rappen nur zögernd voran, und die Hunde wichen zurück. Die Echse sah kleiner aus, als er erwartet hatte. Selbst beim Schlafen hielt sie die Augen nicht vollständig geschlossen. Längst musste sie ihn gerochen haben, aber sie reagierte nicht, auch dann nicht, als er immer näher heranrückte. Sein Pferd hob den Kopf und wehrte sich, die Hunde winselten. An eine überdimensionale Ei­dechse erinnerte sie ihn. Jetzt hob die Echse ihren Kopf. Er zog den seinen ein und erwartete ein fauchendes Brüllen, aber kein Laut ließ sich hören.

Das Wesen starrte ihn an, und sie fühlten eine gewisse Ver­wandtschaft. Für eine Zehntelsekunde spürte er Mitleid mit der Kreatur, er begriff, dass ihre Bosheit angeboren war und sie selbst mit dem edelsten Charakter der Welt doch nur das sein konnte, was sie geworden.

Viel schneller als die zunächst trägen Bewegungen hatten ver­­mu­ten lassen, reckte sie den Kopf nach ihm und ließ die Zun­ge hervorschnellen, wie ein Laubfrosch auf der Jagd nach einer Fliege.

Entsetzen packte ihn - was tat die Echse denn jetzt? Sie machte schmatzen­de Bewegungen und schien zu grinsen. Das Umtän­zeln und Abtasten hatte ihm jetzt lange genug gedauert. Plötz­lich musste er nämlich daran denken, dass die Hirten, die sich jüngst verirrt hatten, aus dem Sumpf nur noch als Skelette geborgen werden konnten. Eilig griff er nach seinem Ger und zielte kurz auf die Weich­teile des Monsters, aber entweder hatte er sich nicht genügend Zeit genommen oder der Wurm trug selbst um die Lenden noch einen Panzer.

Wie dem auch sei, der Wurf hatte trotz seiner Ziel­genauigkeit fehlgeschlagen. Mitleidig schien der Blick des Lindwurms auf ihm zu ruhen. Aber dies geschah nur für die Dauer eines Augenblicks, jetzt öffnete das Monster den Rachen und präsentierte ihm düstere Zukunftsaussichten. Sein Rappe hatte sich ent­schlossen, das Heil in der Flucht zu suchen, und brachte ihn damit zum Fallen. Seite an Seite standen sie, der Wurm und der Ritter, und auf eine seltsame Weise bereitete es ihm Freu­de, dass sein Pferd davon lief, es würde diesen Tag zumindest überleben.

Die Hunde hatten ihren Mut zurückgefunden und schnapp­ten nach dem Monster, das sich kaum zur Wehr setzte, als würde es ahnen, dass sie seine Aufmerksamkeit nur von dem Hauptgang ablenken sollten.

Wieder schnellte die klebende Zunge hervor, sie rollte ihn ein, schmiegte sich an ihn, schien ihn zu etwas überreden zu wollen...

An das, was folgte, konnte er sich nicht gleich erinnern, aber Bauern fanden ihn und ließen den noch halb Betäubten in ihrer Mit­­te hochleben, die Echse lag leblos neben seinen toten Hun­den. Irgendwie hatte er es geschafft, das begriff er jetzt, und damit war er der Held seiner Zeit. Endlich hatte er etwas voll­bracht, das ihm Selbstbewusstsein und seinem Dasein einen Sinn gab. Jetzt konnte er das Haupt aufrecht halten, vorbei sollte es sein mit dem gesenkten Blick und vorbei mit aller Demut - nun durfte gefeiert werden!

Der Triumphzug brachte ihn in seiner Mitte auf dem schnellsten Weg zum Orden, wo der Meister seinen ungehor­samen Schüler erwartete. „Ich habe der Ritter Pflicht getan!“ begrüßte ihn der Jüngling erhobenen Hauptes. „Der Drache, der dies Land verödet, ist von meiner Hand geschlagen! Frei ist dem Wanderer der Weg, der Hirte treibe ins Gefilde, froh walle der Pilger zu den heiligen Stätten!“

Seltsam düster starrte ihn der Meister an. Ich hatte anderes angeordnet, sagte ihm sein Blick. Und du bist stolz geworden.

„Du hast als Held gehandelt, der Mut ist es, der den Ritter in dir ehrt, du hast den kühnen Geist gezeigt, doch sprich – was ist deine erste Pflicht als Ritter dieses Ordens?“

„Gehorsam“, flüsterte der Junge blass.

„Und diese erste Pflicht, mein Sohn, hast du frech verletzt, du hast den Kampf gewagt, den ich aus­drück­lich allen verboten hatte.“

„Lass mich erzählen“, un­ter­brach ihn der Junge mit heiligem Schauder. Und er erzählte von seiner Trauer um die toten Ritter, schließlich von dem entscheidenden Kampf und von seinen jungen Hunden, die für ihn gestorben waren: „Und als ich neugestärkt erwache, seh ich die Knappen um mich stehen, und tot im Blute liegt der Lindwurm!“

Da brach der Jubel wieder los, der so schnell verstummt war. Auch die Ritter des Ordens kriegten sich nicht mehr ein vor Begeisterung. Doch der Meister hob nur eine Hand, und abrupt schwieg die Menge. Und er sah so gramvoll aus, wie er selbst bei der Trauerfeier der fünf toten Ritter nicht aus­gesehen hatte.

„Den Drachen, der das Land verhehrt, hast du mit tapferem Herzen besiegt! Ein Gott bist du dem Volk geworden – und deinem Herrn ein Greuel! Einen schlimmeren Wurm gebar dein Herz, als es diese Echse jemals sein konnte – den Hochmut!“ krächzte der Greis.

„Diese Schlange, die dein Herz entzündet, hat dich untauglich für den Dienst im Orden gemacht! Im Orden herrschen Disziplin, Demut, Ordnung, Gehorsam – alle diese Werte sind dir fremd. Wo der Herr in seiner Größe gewandelt hat in Knechtes Lumpen, da stifteten die Väter dieses Ordens Bund, der Pflichten schwerste zu erfüllen: Zu bändigen den eigenen Stolz!“

Der Alte schlug ihm das Kruzifix herunter und riss ihm die Kleider ab.

„Du bist nicht wert, diese Luft zu atmen! Geh hinaus und verpeste den heiligen Ritterorden nicht länger!“

Der Junge sprach kein Wort, aber die Menge ließ klagend ihren Unwillen erkennen.

Gespannt wartete der Alte auf das, was der Junge tun würde. Er betete für ihn und hoffte, hoffte... der Junge trug ein Schwert an der Seite, er zog es – und legte es vor den Meister hin. Dann kniete er nieder und wandte sich zum Ausgang. Die Sekunden schlichen dahin. Doch noch ehe er den Weg vollendet hatte, rief ihn der Meister mit Tränen der Freude zurück: „Du hast den letzten Kampf bestanden, es war ein härterer Kampf als gegen den Drachen, du hast deinen eigenen Hochmut besiegt und bist wieder in allen Gnaden aufgenom­men!“

 

 


   

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