Die Kindsmörderin

 

Seinen Beruf übte er noch nicht lange aus, was Vorteil und Nachteil zugleich darstellte - einen Vorteil, weil ihm auf diese Weise zumindest nicht langweilig wurde, von Routine sollte wirklich keine Rede sein. Er lernte noch, es handelte sich um einen Prozess, in dem Kasimir erst so nach und nach die nötige Erfahrung ansammelte. Oft gab es tagelange Auftragsflaute. Wie er diesen Umstand einordnen sollte, wusste er nicht so recht. Hier versuchte er sich zu sagen, dass er eben auch für dieses Nicht-tun Bezahlung erhielt und dass es nicht an ihm lag, wenn die Auftragslage dünn war.

Der erwähnte Nachteil lag einer Tatsache zugrunde, die eigentlich den gleichen Voraussetzungen entsprach: Dadurch dass er eben nur wenig Erfahrung hatte, machte er Fehler, ungewollt auf Kosten der Menschen, mit denen er zu tun hatte. Ihnen einen schnellen und sauberen Tod zu verschaffen, nahm Kasimir sich bei jeder neuen Hinrichtung vor, denn Henker zu sein, bedeutete eine Berufung - das gesprochene Recht in die Tat umzusetzen, ohne den Verurteilten unnötig zu quälen. Seine erste Hinrichtung lief nicht so gut. Unsicher dachte er zunächst sogar daran, dem Opfer die Hand zu reichen. Opfer? Immer noch musste er sich zwingen, den Verurteilten nicht als Opfer zu sehen. Hier hatte er keine hilflosen Lämmer zu schlachten, sondern ausgekochte Verbrecher. Das Schlimme war, man sah dies eben den To­deskandidaten nicht an, die Physiognomie zeigte nur Panik, keine Bosheit. Eben nur Angst vor dem Tod.

Ein junger Henker musste nun mal lernen. Von klassischer Ausbildung zu sprechen, wäre lächerlich gewesen. Die ersten Ma­le hatte er das Gefühl, die Augenbinde für sein Ge­genüber wäre eher für den Henker bestimmt, um gnädigerweise zu vermeiden, dass der zu Tötende ihm letzte schmerzliche Blicke zuwerfen würde, die ihn in seiner Konzentration hinderten.

Tötungsarten gab es viele. Am vertrautesten wurde er mit dem Strick, im stillen Kämmerchen übte er fleißig. Er wurde lang­­sam schneller damit, ihn auf die verlangte Art vor­zu­be­rei­ten. Natürlich gab es auch unangenehmere Tötungs­arten. Die meisten Kan­didaten fügten sich, manche be­schimpften ihn, woran er sich langsam zu gewöhnen versuchte. Geistlicher Beistand wurde nur gelegentlich gewünscht und brachte ihn nicht selten durch­einander, als würde der Priester nicht dem Opfer - nein, dem Todeskandidaten - also nicht dem Todeskan­didaten, sondern dem Henker beistehen.

Nachdem jetzt schon zwei Wochen ins Land gezogen waren, ohne dass er eine Hinrichtung vorzunehmen hatte, wuchs in ihm langsam das Gefühl, dass er aus der Übung kä­me. Umso plötzlicher hieß es, dass am folgenden Tag zum ersten Mal seit langer Zeit eine junge Frau hingerichtet werden solle, und zwar per Schwertstreich. Sozusagen seine erste Frau. Er hätte den letzten Momenten des Prozes­ses beiwohnen kön­nen, ver­zich­tete aber aus Gründen, die er selbst nicht verstand.

Es handelte sich um eine Mörderin. Mitleid war hier fehl am Platz. Die junge Frau musste Mitte zwanzig sein und hat­te im vollen Bewusstsein gehandelt. Weder Schwach­sinnig­keit noch andere mildernde Umstände sah er hier. Ab und zu überlegte er, ob er die Hinrichtung mit ihr proben sollte, damit sie dann, wenn es darauf ankam, nicht völlig aus der Rolle fiele. Denn wie Frauen mit einem solchen Richterspruch um­gingen, würde nicht einfach vorherzusehen sein.

Nun gut, viel wusste er nicht von ihrem Fall. Gerüchten zu­folge hatte sie sich im Zustand der Trunkenheit zu vorgerückter Stunde in einem Gasthaus mit einem Fremden eingelassen, er­schwe­rend zu ihrer Unkeuschheit kam hinzu, dass sie hier ihre Arbeit als Teller­spülerin verrichtete. Es kam zu dem, was nach neun Monaten zu einem gewissen Ergebnis f�hrte. Direkt nach dem Ablauf der Schwan­gerschaft soll sie zur Mörderin geworden sein, nämlich an ihrem unschuldigen Kind.

Er entschied sich, die Verurteilte am Abend aufzusuchen. Herun­tergezogene Augenbrauen, das klare Zeichen von Bos­heit, wie er sich das Kind vorgestellt hatte, konnte Kasimir auch bei dieser Kandidatin nicht finden.

Der Jüngste, den er bislang hingerichtet hatte, stand im Alter von knapp dreißig Jahren. Nun ging es also nicht nur erstmals um eine Frau, sondern auch um den jüngsten To­des­kandidaten, dem er je gegenüber stand. In die Augen sah er ihr nicht. Die Wärter dagegen ließen beide nicht aus den Augen. Er stellte sich der Inhaftierten gegenüber als Henker vor und führte aus, dass man vielleicht den Ablauf probeweise durchgehen sollte, damit es, nun ja, zu gegebener Zeit nicht irgendwie zu Unan­nehm­lichkeiten kommen würde. Er ver­sprach ihr Pro­fessionalität und setzte allerdings, wie er sagte, Kooperation voraus. Als erstes würde er ihr die Augenbinde reichen, ob das in Ordnung sei, wenn sie sich diese selbst umbinden würde.

Dass sie nicht antwortete, verunsicherte ihn. Er entschied sich, ins vertrauliche Du zu wechseln, aber dass er Susanna, wie sie hieß, jetzt noch mit Namen ansprach, wäre nun wirklich zuviel verlangt gewesen, das würde nur überflüssigerweise da­zu führen, dass er sich mit ihr solidarisierte, was die Hi­n­richtung regelrecht blockieren, wenn nicht sabotieren würde.

Aus ihrem erloschenen Blick konnte er nichts herauslesen. Nachdem er dreimal gefragt hatte, ob sie sich denn nun die Augenbinde selbst umbinden wolle, hatte sie immerhin kurz genickt. Sie vereinbarten ein Zeichen, er würde ihren Kopf erst dann abschlagen, wenn er ihr das Haar vom Hals zur Seite gestreift hätte. Das heißt, nicht sie vereinbarte das Zeichen mit ihm, sondern nickte nur kraftlos, als er ihr diesen Vorschlag machte. 

Nachdem er sich anschickte, sie zu verlassen, flüsterte sie ihm ein Wort nach, von dem er zunächst nicht sicher sein konnte, ob sie ihn damit meinte oder eine Erinnerung. Erst nach und nach ging ihm auf, was sie ihm mit auf dem Weg gegeben hatte. Zunächst hatte er "So, jetzt!" verstanden und lange überlegt, wie sie das gemeint haben könnte.

In der dritten schlaflosen Stunde der Nacht begriff er all­mählich, dass es sich um einen Männernamen gehandelt haben musste: "Josef!" Oder handelte es sich hier um den Namen ihres toten Kindes? Ein Wärter, den er gut kannte, nahm ihn kurz beiseite, als er sich am bewussten Tag auf den Weg zur Hinrichtung begab, und berichtete grinsend, die junge Frau habe im Kerker randaliert und immer wieder den Namen "Josef!" ausgestoßen. Er entschied, dass es sich dabei offenbar um den Namen des Kindsvaters handelte.

Innerlich schlug er sich auf die Schulter, um sich zu ermannen. "Vergiss den Namen Josef", raunte ihm seine innere Stim­me zu, "vergiss ihr Randalieren, hier tust du der Ge­rech­tig­­keit einen Dienst, es handelt sich nicht um eine min­der­jäh­ri­ge Schöne, sondern um eine eiskalte Killerin, die mit der ganzen notwendigen Härte bestraft werden muss! Du hast die Re­geln nicht gemacht, aber keinen Grund, sie nicht zu be­fol­gen!" Immerhin sah er die Möglichkeit, es angenehm für sie zu machen. Nein, angenehm natürlich nicht, aber weniger unan­genehm, zumindest weniger unangenehm, als es vielleicht ein grober Kerl an seiner Statt regeln würde, der mög­licherweise noch gewisse voyeuristische Tendenzen hätte.

Von der Hinrichtung der Lady Jane Grey hatte Kasimir in der Schule gehört. Dass er Unterricht hatte genießen dürfen, war ja wirklich nicht selbstverständlich gewesen; er fühlte Dankbarkeit dafür. Innerlich fragte er sich, ob er von dem Fall Jane Grey lernen könnte, auch wenn es sich bei Susanna nur um eine Bürgerliche handelte. Es hieß, der Henker habe Jane Grey unmitelbar vor der Tötung um Vergebung gebeten, wie bei adligen Häftlingen üblich, aber er habe offenbar versäumt, ihr den Weg zum tödlichen Block zu weisen. Nachdem sie sich die Augenbinde umgebunden hatte, wusste sie nicht, was von ihr erwartet wurde, und fuchtelte hilflos mit den Armen herum, und vielleicht fühlte sich der Henker zu schüchtern, um sie in die gewünschte Richtung zu lenken und mit dem Kopf nach unten zu drücken. Da mussten erst die Soldaten ran, ihren Kopf mit vereinten Kräften auf den vorbestimmten Platz zu legen. Als Kind hatte Kasimir diese Episode gehörig zugesetzt. Ein pro­fes­sio­neller Henker durfte sich bei allem Verständnis für eine ungewohnte Situation einen derartigen Lapsus einfach nicht erlauben.

Sollte er Susanna ebenfalls um Verzeihung bitten? Das erschien ihm albern, nachdem er sie bereits geduzt hatte. Ein weiterer Unterschied zwischen Susanna und Lady Jane - die Ade­lige hatte nichts verbrochen, sondern stellte einen poli­ti­schen Spielball dar, und ihre Minderjährigkeit nach da­ma­ligem eng­lischen Recht traf im aktuellen Fall ebenfalls nicht zu. An­sonsten sah er durchaus Parallelen, es handelte sich immerhin um die gleiche Tötungsart, bestenfalls leicht variiert. Im Grunde sollte das doch sogar eine Ehre für Susanna sein.

Der junge Henker wartete geduldig. Das Schwert hatte er zwischen den Händen gestemmt. Diese Nacht hatte er vom Grün seines Lieblingsparks geträumt. Die verrinnende Zeit ließ ihm die Möglichkeit, seinen Blick ins gaffende Publikum zu werfen. Da hinten glaubte er den schockierten Blick des jungen Herrn Goethe zu sehen. Das musste er sein, sein Gesicht sah der Porträtzeichnung sehr ähnlich, die er neulich in der Zeitung gesehen hatte. Eigentlich hatte Kasimir kein Verständnis, dass sich ein Dichter auf diese Art und Weise seine Inspiration suchte. Überhaupt gin­gen ihm diese Menschenansammlungen auf die Nerven. Na­tür­lich, eine öffentliche Hinrichtung musste eben nicht nur dem Na­men nach öffentlich sein, aber wäre es nicht an­genehmer, beispielsweise eine Theatervor­stel­lung zu be­suchen?

Lady Jane wurde zum Block geführt. Moment! Lady Jane? Was für ein Unsinn. Es handelte sich natürlich nur um die Kindsmörderin Susanna, die er nun bestrafen musste, wie das Gesetz und sein Beruf es verlangten.

Und nun musste er doch tatsächlich noch den Fehler begehen, seiner Todeskandidatin in die Augen zu sehen.

 

 ENDE


   

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