Die Kraniche des Ibykus

Ein Wettbewerb lohnt sich eigentlich immer, dachte Ibykus, als er in den Fichtenhain einbog, mittels einer tagsüber selten befahrenen Straße, was natürlich auch für die Nacht galt. Ibykus litt an Angst vor Räubern, wie er sich ungern ein­ge­stehen musste, und wählte gern günstigere Pfade, aber der Weg in die Landesenge von Korinth ließ keine Nebenpfade zu. Es sollte ein besonderer Wettbewerb sein, gewaltige Thea­terspiele standen in der Ankündigung. So überlegte Ibykus, ob die Zeit es erlauben würde, an den Spielen sowohl als Sänger, seines Zeichens Zierde, wie auch als Zuschauer teilzunehmen.

Am Himmel flog ein Schwarm von Kranichen vorüber. Sie hatten in der Tat den gleichen Weg, das konnte nur ein gutes Omen der Götter sein. Ibykus liebte alles mit Federn, schon als Kind hatte er den Eindruck, dass zwischen ihm und den Tieren etwas Besonderes bestand, eine Bindung, die über das Übliche an Tierliebe hinausging.

Und sie hatten noch etwas gemeinsam. Denn obwohl der Ruf des Sängers ihm häufig voraus eilte, gehörte er nicht zu den Reichen des Landes, der Beruf des Spielmanns galt zu Recht als unbeständig und beschwerlich, doch der Lohn der launischen Muse genügte ihm. Oft auf Reisen, besaß er nicht viel mehr als die Vögel es taten. Ihm schien, als würden die Vögel wirklich mit ihm kommuni­zie­ren. Ihr ma­jes­tätischer Flug musste als ein besonderes Erlebnis hervor­ge­ho­ben werden.

Den halben Wald hatte er inzwischen durchkämmt und ge­stattete sich, etwas aufzuatmen. Die Straßen hier konnten wirklich sicherer sein, leider blieb Wunschdenken das, was es gemäß Status eben ist. So langsam bekam er das Gefühl, dass er sich sputen musste, wenn er seinen Auftritt nicht versäumen wollte.

Er kam nie an. Räuber kreuzten seinen Weg und machten ihrem Namen alle Ehre. Nur um zwei Männer handelte es sich, doch es hätten ebenso gut zwölf sein können, schließlich ge­hör­te Ibykus nicht gerade zu den Kampferprobtesten. Den Umgang mit dem Schwert hatte er nie als seine Aufgabe angesehen. Als sie ihn nicht nur von einer Seite, sondern gleich von zwei Seiten bearbeiteten, wusste er, dass er verloren hatte. Während er in die Knie sank und um Hilfe schrie, rechnete er nicht wirklich damit, gehört zu werden. Er hätte sich gleich er­ge­ben sollen, schoss es ihm durch den Kopf. Nun hatten sie ihm starke Wun­den zugefügt, die ihm ernstliche Schwie­rig­keiten bereiteten. Mit Hilfe konnte er nicht rechnen. Als er erneut das Geflatter am Himmel vernahm, erkannte er seine gefiederten Freunde wieder und blickte stumm auf den ersten der Kraniche. Im Sterben schien es ihm, als hätten sie Blickkontakt und als würde der Vogel seine letzte Botschaft aufnehmen...

Sein Gastgeber fand den toten Ibykus und konnte die Tragödie nicht fassen. Er hatte gleich das Schlimmste angenommen, als Ibykus nicht pünktlich zum vereinbarten Zeitpunkt erschien. Nichts hatten ihm die Räuber gelassen, nicht einmal die Kleidung.

Die Kunde machte schnell die Runde. Das Publikum ergriff völ­lige Betroffenheit. Ibykus gehörte zu den beliebtesten Sän­gern Griechenlands. Sein Verlust konnte auch menschlich nicht mehr wettgemacht werden. Es schien allen eine Schande, dass sei­ne Mörder unerkannt blieben. Doch hier konnten mit Si­cherheit selbst die Götter nichts ausrichten.

Auch Timotheus und sein bester Freund hatten sich unter das Publikum gemischt. Nach dem Tod des Ibykus galten nun­mehr die Theaterspiele als kultureller Höhepunkt, selbst wenn diese nur einen schwachen Trost für die zu kurz gekommene Zuhörerschar darstellten.

Timotheus fühlte sich genervt durch seinen älteren Bank­nachbarn, der immerfort von der notwendigen Vergeltung für den Tod des Sängers sprach. Vielleicht sei der Mörder sogar mitten unter ihnen. Timotheus ver­suchte, sich endlich auf das beginnende Thea­ter­stück zu kon­zentrieren.

Fantastisch geschmückte alte Frauen stiegen auf die Bühne. Mit verblüffender Authenzität spielten sie die Rachegöttinnen. Ihre Perücken durften als das Werk eines Meisters bezeichnet wer­den, es sah fast so aus, als würden sich Schlangen in ihren Haarwäldern tummeln. Die Schauspielerinnen wirkten auf eine selt­same Weise alt und ehrwürdig. Timotheus wurde be­klom­men zumute. Die Monologe schienen das fortzuführen, was sein Banknachbar nur angedeutet hatte. Dieser hörte nicht auf zu faseln! Timotheus drehte sich zu seinem Freund und überlegte mit ihm, ob sie sich einen anderen Platz suchen sollten. Zustimmend nickte dieser, aber als er sich unter den Missfallensbekundungen des Publikums aufrichtete und den Platz übersah, stellte er fest, dass kein einziger Sitzplatz übrig geblieben war. Schließlich resignierte auch Timo­theus und bat seinen aufdringlichen Banknachbarn um et­was Ruhe. Beleidigt schwieg der Alte und starrte argwöhnisch auf die bei­den Burschen, die ihm innerhalb des kultur­bewussten Pub­likums wie Fremdkörper erschienen. Die bunte Kleidung der zwei Kerle hätte eher zu einem Spielmann gepasst! 

Der monotone Singsang der Rachegöttinnen trieb Timotheus den Schweiß ins Gesicht. Auch sein Freund blickte ratlos ins Leere.

Spätestens zum Ende hin hatte das Geflüster innerhalb der Zuhörer an Lautstärke deutlich verloren. Langsam entfernten sich die Göttinnen von der Bühne. Ein kleines Kind begann zu weinen. So mancher fragte sich, ob das Schauspiel, das er gesehen zu ha­ben glaubte, nicht vielleicht doch möglicherweise - echt gewesen sein mochte.

Am Himmel erhob sich ein Krächzen. Ein lauter Schrec­kens­ruf ertönte: "Sieh da, Timotheus, die Kraniche des...!"

Der Schwarm der Kraniche hatte den Himmel verdunkelt. Das Publikum starrte auf die vorüberziehenden Vögel. Wie konnte die richtige Gedankenverbindung hergestellt werden? Langsam richteten sich die Blicke auf Timotheus und seinen Freund. "Der fromme Dichter wird gerochen!" schrie der alte Mann, der Timotheus mit erstaunlicher Kraft am Hals packte. "Der Mörder liefert selbst sich dar, ergreift ihn, der dies Wort gesprochen, und ihn!"

Timotheus und sein Freund wussten, dass ihr Spiel ein Ende genommen hatte.

  


   

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