Die Nornen

 

Als Skuld lange genug auf den Brunnen geschaut hatte, folg­te sie ihren Schwestern in die Nacht. Urd und Verdandi kamen mit der Zurückhaltung der Jüngsten nicht immer gut klar. Wie dem auch sei, der Sohn Theoderichs würde ein ehren­wertes Ziel bieten. Wenn Skuld nur an ihn dachte, wechselte ihr Gesicht die Farbe.

Das Gewordene sollte Werdendes oder Werdensollendes wer­­den. Lange dachte Skuld über den Hintergrund ihres ge­mein­sa­men Mottos nach. Sie selbst interpretierte die Worte so, dass Ver­gangenheit zwar wichtig, Gegenwart und Zukunft aber noch wichtiger sein müssten. Dass Gewesenes sicht­ba­re Gestalt annahm, sich in die beiden anderen Dinge mischen sollte. Dies waren oft ihre Hauptgedanken, wenn sie auf ihren Brun­nen schaute, bis eine ihrer Schwestern sie un­willig wegrief.

Zusammen hatten sie eine angemessene Weile überlegt, mit welchem Geschenk sie König Theoderich ihre Referenz er­wei­sen sollten, aber auch, welches Gegengeschenk sie zu for­dern hatten. Das lag erst wenige Tage zurück. Was wäre anmaßend genug und rea­listisch zugleich? Der König hatte keinen Grund sich zu beschweren, ihr gemeinsames Geschenk sah an­spre­chend aus und konnte es von der Seltenheit her mit Wert­ge­­­gen­ständen aufnehmen, die nur we­ni­ge Irdische erreichten.

Nun sahen sie die Zeit erreicht, ihr Gegengeschenk einzu­for­dern.

Gern erinnerte sich Skuld an ihren Vater, ein beeindruckend großer Mann. Welche genauen Höhen seine Gestalt auch errei­chen mochte, die geistige Größe hielt gut mit. Von ihm hatten die drei Schwestern ihren Aberglauben nicht geerbt. Skuld fühl­­­­te sich beim Anblick Theoderichs gelegentlich an ihren Va­ter erinnert. Bei Theoderich handelte es sich um einen be­son­deren Men­schen. Sie sah ihm gern ins Gesicht. Erfreut hatte er auf ihr Ge­schenk reagiert, seine Überraschung hielt gerade noch den Rah­men des Schicklichen. Und auch ihre keineswegs ga­­­lante For­derung nach einem ganz bestimmten Ge­gen­ge­schenk schien er zunächst als eine Selbstverständlichkeit hin­zu­­­­nehmen.

Gemeinsam schrieben die Schwestern an einem großen Werk, das kein geringeres Thema als das Leben selbst und sei­ne Vorherbestimmungen hatte. Ehrgeizig genug, aber sie trau­ten sich eben. Oft sprachen sie nicht nur aus dies­em Anlass über Vergangenheit. Aber auch über Gegenwart und Zukunft. Und über das Unausweichliche.

Skuld kannte den Sohn des Regenten nicht, aber sie würde bald Gelegenheit haben, ihn kennenzulernen. Sicher würde er keinen Keil zwischen die drei Schwestern treiben. Trotz ihrer klei­­ne­ren Streitigkeiten hielten sie fest zusammen. Urd er­kann­ten Verdandi und Skuld mehr oder weniger neidlos als ihre Führerin an, sie hatte als Erste das Licht der Welten erblickt. Ihre Lieblings­haustiere waren zwei Schwäne. Vor niemandem zeigte Urd Angst, so brachte sie es auch fertig, dem Erha­bensten von allen selbst unangenehme Wahrheiten ins Gesicht zu sagen. Da blieb vor allem Verdandi bestenfalls der Status der Mitläuferin.

 Neben Literatur und Alltagsphilosophie gehörte vor allem die Natur zu ihren großen Interessen. Sie nannten ihre Lieb­lings­­gewächse mit seltsamen Namen. Einer besonderen Pflege der drei erfreute sich die Esche Yggdrasil, die von einer ekelhaften Schlan­ge befallen war. Aber Feuchtigkeit und die Liebe der drei Schwestern verhinderten, dass hierüber Sorge nötig war. 

So konnten sie selbst die Natter als Teil für sich akzeptieren. Wie sie selbst es sich wünschten, akzep­tiert zu werden, keinen übertriebenen Respekt zu er­zeugen, sondern dazu zu gehören.

Skuld selbst liebte den Kontakt mit den Menschen. Oft und gerne sagte sie ihnen die Zukunft voraus, dabei mischte sich einiges Geflunkere hinein, aber im Ganzen meinte sie es ernst. Manchmal plagten sie sogar Schuldgefühle, wenn sie sich bei zuviel Ernst oder zuviel Flapsigkeit ertappte.

Über ihr Alter redeten sie nicht gern, sie wollten als alters­los gelten. Dass sie nicht gerade eine Generation verkörperten, schweiß­te sie nur umso enger zusammen.

In ihrer knapp bemessenen freien Zeit sangen oder sponnen sie gerne. Ebenso schätzten sie das Runenspiel. Es kränkte besonders Skuld, wenn man ihr und den beiden anderen nach­sag­te, dass sie sich zuviele Eigenmächtigkeiten erlaubten. Nein, sie befolgten einen genauen Plan. Auch sie erhielten ihre An­­­­weisungen. Was Skuld betraf, so hatte sie nicht vor, den Sohn des Theoderich mit Gewalt zu nehmen. Vornehmen wür­de sie ihn sich natürlich schon.

Interessant, dass König Theoderich plötzlich Entsetzen ge­zeigt hatte, als Urd in Sachen Gegengeschenk konkreter wurde. Sehr schnell und hektisch hatte er gesprochen und sich in der gleichen Geschwindigkeit entfernt. In tiefer Traurigkeit sahen die drei Schwestern es wieder so weit kommen, dass sie sich selbst verschaffen mussten, was das Schicksal ihnen verhieß. Sicher, es klang verständlich und rührend, dass Theoderich derzeit ver­mut­lich Himmel und Erde in Bewegung setzte, um seinen Sohn vor ihnen zu verbergen. Dem würden sie ganz gelassen ent­ge­gen sehen, schließlich war alles vorherbestimmt.

Das Kind starrte verzückt in die Nacht. Mehrere Soldaten standen Wache. Es krabbelte aus der Wiege, es verließ König Theoderichs einsam gelegenes Bootshaus und verbarg sich im Schilf, um die Schönheit der Natur allein und ungestört einat­men zu können. In der Entfernung sah es drei weibliche Gestal­ten langsam näher kommen, die zu schweben schienen, eine Alte, eine Jüngere und eine Kindliche.

Die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft... Yggdrasil... die Runen... die Alterslosigkeit... das Werk des Lebens... die Schwäne... das Schicksal... ein Geschenk... das Gewordene, das Werdende und das Werdensollende.

 


   

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