Rezensionen: Balladen und Fragment

 Behandelt werden "Der Alpenjäger", "Die Bürgschaft", Der Gang nach dem Eisenhammer", "Der Kampf mit dem Drachen", "Die Kindsmörderin", "Der Ring des Polykrates", "Ritter Toggenburg", "Das Siegesfest", "Der Taucher" und die Fragmente "Don Juan", "Herzogin Vanda", "Die Nornen" und "Rosamund".

"Der Alpenjäger" handelt von einem Jungen, der sich von seiner Mutter nicht davon abhalten lässt, in die wilden Berge zu ziehen und eine ängstliche Gazelle zu verfolgen. Als er sei­nem Beutetier endlich gegenübersteht, erlebt er eine seltsame Überraschung...

Die drei ersten Strophen sind für den Verlauf der weiteren Handlung komplett überflüssig und zeigen nur, dass der Junge vor der Wildheit der Berge eine Warnung erhalten hat. Dazu kann die Figur der kitschig angelegten Mutter nicht über­zeu­gen. Sprachlich interessant ist, dass sie vom Erzähler überhaupt nicht erwähnt wird, sondern nur in wörtlicher Rede vorkommt. Die Schlusspointe ist zwar beeindruckend, aber ir­gend­wie fehlt hier noch was. Vielleicht hätte der Alte aus den Bergen in den ersten Zeilen erwähnt werden müssen, obgleich ein gewisser Hinweis zu spüren war ("Wild ist's auf den wilden Höhn!").

Die Intention ist ziemlich klar. Bleibe zuhause und ernähre dich redlich, könnte die Prämisse lauten, vergieße nicht das Blut unschuldiger Tiere, zumindest wenn es nicht sein muss. Oder wie es im Monolog des Bergesalten heißt: "Raum für alle hat die Erde!" Eine klare und schöne Aussage in schlichten und kurzen Versen.

Insgesamt muss gesagt werden, dass Schiller sicherlich kom­pak­tere und vielseitigere Balladen geschrieben hat, aber auch hier ist eine gewisse Atemlosigkeit in der Handlung zu spüren, die für das nötige Interesse sorgen kann und die Verse noch in den leicht überdurchschnittlichen Rahmen heben kann.

 Eine Hymne an die Freundschaft bietet "Die Bürgschaft", zu Recht eine der berühmtesten deutschen Balladen: Der auf­sässige Rebell Damon (Möros in einer anderen Version)  versucht, den verhassten Tyrannen Dionys (den mit dem Damoklesschwert) umzubringen, wird wegen seines Attentatsversuches in Haft genommen und soll ans Kreuz geschlagen werden. Der Tyrann gewährt ihm jedoch eine Frist von drei Tagen, um die Hochzeit seiner Schwester zu organisieren, wofür er den besten Freund des Rebellen als Geisel nimmt. Damon verheiratet seine Schwester in aller Eile und kehrt zurück. Als er seinen Freund aus der Haft erlösen will, stellen sich ihm Naturkastrophen, Banditen und schließlich der Durst als schwere Hindernisse entgegen. Gerade noch rechtzeitig kann er seinen Freund vor der Hinrichtung retten. Die glückliche Heimkehr rührt den König, er verschont seine beiden Gefangenen und bietet ihnen seine Freundschaft an.

Ein dramaturgisches Problem bietet die Kurzepisode über die drohende Verdurstung des Damon, wie schon Goethe erkannte. Brieflich riet er Schiller sogar, diese Sache raus­zunehmen, weil sie nicht logisch sei, worauf Schiller jedoch nicht reagierte. Hierüber kann man geteilter Meinung sein, sprachlich gelungen ist auch dieses Ereignis.

Sehr gerafft erscheint auf interessante Art der Anfang, der in wenigen Zeilen mehr Aktion umfasst als viele der nachfol­genden Strophen. Der anrührende, wenn auch unglaub­wür­dige Schluss wurde schon von Brecht in einem Spottvers verdammt. Überflüssig und wie Füllmaterial wirkt die Figur des Phi­lo­stratus, etwas gesichtslos kommt der namenlose Freund daher, der im Original der Sage Phintias heißt. Dafür sind die Charaktere Damon und Dionys umso interessanter, auch wenn der eine oder andere Monolog des Damon etwas arg wehleidig daher kommt. Schöne Landschaftsbeschreibungen runden die Sache ab, dazu kommt eine beeindruckende Prämisse: "Die Treue, sie ist doch kein leerer Wahn!"

Insgesamt kann ohne Übertreibung behauptet werden, dass es sich hierbei um eine der schönsten Balladen von Schiller handelt.

 "Der Gang nach dem Eisenhammer" hat Priorität bei Reich-Ranicki, er hält es für eines der lustigsten Gedichte in deut­scher Sprache. Immerhin, selbst sachlichere Kritiker geben zu, dass Schiller hier ein gewisses Augenzwinkern zeigt.

Knappe Fridolin soll durch eine Intrige des neidischen Jägers Robert umgebracht werden. Als er sich wegen seiner Teilnahme an der heiligen Messe auf dem Weg zu den Mördern verspätet, kommt es anders, als man denkt...

Die etwas primitive Aussage lässt sich mit dem bekannten Sprichwort "Wer andern eine Grube gräbt, fällt selbst hinein!" umschreiben. Die Spannung ist zwar vorhanden, aber eine wirklich schöne Szene ist nur im ersten Teil zu finden, als Robert in bester Jago-Manier seinem Herrn einredet, Fridolin würde ihn mit seiner Gattin betrügen. Die Charaktere sind eindimensional angelegt, die zwei namenlosen Knechte werden als primitive Sadisten gezeigt, Jäger Robert immerhin als raffinierter Heuchler. Fridolin und die Gräfin wirken naiv-langweilig, und der Graf steht irgendwo dazwischen. Die Sprache ist ironisch, das Heilmittel aller Übel liegt in der Religion.

Auch hier finden sich einige beeindruckende Landschaftsbe­schrei­bungen. Aber insgesamt gehört die Ballade nicht zu den Highlights.

 Interessant ist, dass "Der Handschuh" im Untertitel er­wähnt, es handle sich um eine Erzählung, nicht etwa um eine Bal­la­de. Das ist Ansichtssache, jedenfalls bleibt es ein Gedicht mit einer faszinierenden Geschichte und einem beein­druckenden Schluss, von dem so­gar eine höflichere Version existiert ("Und der Ritter ver­neigt sich und spricht..." anstelle von "Und er wirft ihr den Handschuh ins Gesicht!")

Im Palast des König Franz steigt die Attraktion einer Art Zir­kusvorstellung, wobei zahlreiche Raubtiere ihre Kunst­stücke zeigen dürfen. Eine der Edelfrauen verliert ihren Hand­schuh, der im Käfig in der Arena landet, und verlangt von ihrem Verehrer einen Beweis seiner Liebe, indem er ihr den Handschuh zurückbringen soll, obwohl im Löwenkäfig der Tod lauert. Der Ungestüme schafft das Kunststück, den Handschuh zurückzubringen, doch als ihn seine Liebste gerührt umarmen will, beleidigt er sie, schleudert ihr den Handschuh ins Gesicht und verlässt sie.

 "Der Kampf mit dem Drachen" berichtet von einem "härteren Kampf" als es der Titel verspricht, vom Kampf gegen den eigenen Stolz.

Ein Held aus dem Orden eines ehrwürdigen alten Meisters bringt einen erschlagenen Drachen in seine Stadt und wird vom Volk bejubelt, doch sein Herr zürnt ihm, weil er den Friedensbefehl nicht eingehalten hat. Obwohl der Ritter sehr rührend seine Geschichte und die erlittenen Gefahren schildert, wird er vom Meister verbannt. Das Volk protestiert, doch der Held will sich in sein Los fügen, bis er vom Mönch zurückgerufen wird, da dieser ihn nur auf die Probe stellen wollte.

Die sehr lange Ballade wäre auch mit einigen Kürzungen noch ein Meisterwerk geworden, so haben sich natürlich einige Längen gerade in der Erzählung des Ritters eingeschlichen, doch Anfang und Ende sowie der mitreißend geschilderte Kampf mit dem Drachen können überzeugen. Auch kommt wie beabsichtigt rüber, dass der Kampf nach dem Kampf noch mehr Überwindung gekostet haben muss.

 Einen sehr packenden Schluss bietet Schillers lyrischer Monolog "Die Kindsmörderin", der den Schreiber dieser Zeilen dazu verleitet hat, das Geschehen in seiner Prosa-Version aus der Perspektive des Henkers zu schildern. Da Schiller Bezug nimmt auf die historische Kindsmörderin Susanna, bestand kein Anlass, Schillers gewählten Namen Louise als Namen der Heldin zu verwenden. Das Gedicht selbst erwähnt nur die Umstände um den Kindermord, nicht die Tat selbst. Vielleicht das einzig wirklich Hervorstechende hieran, der Monolog selbst trieft vor Sentimentalität.

 Für Marcel Reich-Ranicki gilt "Die Kraniche des Ibykus" nach wie vor als eines der schönsten deutschen Gedichte. Dennoch geht die Pointe etwas unter, weil die beiden Mörder, Timotheus und sein ungenannter Freund, in der Handlung erst dann vorgestellt werden, als sie durch die Kraniche entlarvt wurden. Sprachlich einwandfrei, doch es gab sicherlich in­te­res­san­tere Verse des Meisters.

 In "Der Ring des Polykrates" berichtet der glückliche Herrscher Polykrates seinem befreundeten Gast aus Ägypten, ein König wie er selbst, von seinen unermesslichen Erfolgen. Während sein Freund ihn warnt, dass zuviel Glück eine schreckliche Katastrophe mit sich führe, bringen Boten Nachrichten von gewonnenen Kriegen ohne Ende. Schließlich empfiehlt der Ägypter seinem Gastgeber, das Kostbarste aus seinem Besitz dem Meer zu opfern, um nicht den Neid der Götter hervorzurufen. Schweren Herzens opfert Polykrates seinen Ring, doch am nächsten Tag bringt ein Bediensteter den gefundenen Ring zurück, worauf der Gast entsetzt abreist.

Es mag fragwürdig sein, dass Schiller offen lässt, ob die Befürchtung des ägyptischen Königs in Erfüllung geht oder nicht. In der Original-Sage findet Polykrates ein schlimmes Ende. Möglicherweise wollte der Dichter dies der Fantasie des Lesers überlassen und vielleicht sogar übertriebene Schick­sals­gläubigkeit kritisieren oder eben doch vor zuviel Glücksgenuss eine Warnung anbringen.

Vermutlich ist dies eine der Balladen Schillers, in der am meisten geplaudert wird. Manches wiederholt sich, was der Spannung keinen Abbruch tut.

 Im "Ritter Toggenburg" wird die Handlung so knapp erzählt, dass der Leser Mühe haben muss, ihr zu folgen und alle Einzelheiten zu erfassen. Mit dem traurigen Schluss wollte der Dichter Heiterkeit erzeugen.

"Das Siegesfest" verzichtet fast durchgehend auf Charak­terisierung seiner Figuren, weil es die Namen beim Leser als bekannt voraussetzt. Diese Grundidee sollte in der Prosa-Um­setzung beibehalten werden. Verschwommen klingt die Angst vor einem namenlosen Morgen durch. Die Angst vor Strafe?

Die Handlung setzt ein, als die Griechen den Sieg über die Trojaner errungen haben. Demgegenüber gestellt wird das Leid der geschlagenen und gefangenen Trojanerinnen.

Leider muss gesagt werden, dass dieses Gedicht zu den Schwachpunkten Schillerscher Lyrik zählt. Ein oft verwendetes Stil­mittel ist die Wiederholung, was Schiller hier stark übertrieben einsetzt.

 Das vielleicht schönste und zugleich naivste Gedicht Schillers dürfte "Der Taucher" mit seiner gepfefferten Moral sein: "Der Mensch versuche die Götter nicht!" Bemerkenswert ist vor allem eine gesalzene Schlusspointe von der Art, wie sie in Horror­ge­schichten üblich ist...

Dem versammelten Volk bietet der abenteuerlustige König eine schauerliche Mutprobe an - er wirft einen goldenen Becher in die brodelnde See und verlangt, ein Freiwilliger möge ihn heraufholen und behalten. Ein junger Knappe meldet sich und vollbringt das Kunststück. Er berichtet dem Herrscher von seinen grausigen Gefühlen in der Gefahr und meint, man solle die Götter nicht auf die Probe stellen. Ein zweites Mal wirft der König den Becher in die See und verspricht dem Jüngling die Hand seiner Tochter, falls er den Becher erneut zu fassen bekäme und ihm noch mehr von der abenteuerlichen und gespenstischen See erzähle. Der Knappe taucht in die Fluten - aber diesmal kehrt er nicht zurück...

 Zum "Don Juan" ist zu sagen, dass es sich um eine nicht ganz abgeschlossene Ballade handelt, bei der Schiller nur wenige, aber entscheidende Zeilen fehlten. Im fertigen Zustand wäre sie vielleicht eines der schönsten Gedichte von ihm ge­wor­den, obwohl die Rachegeschichte des Standbildes im Gegensatz zur Oper nur an­ge­deu­tet wird - vielleicht liegt gerade darin ihr subtiler Schrecken.

"Herzogin Vanda" ist als offensichtlich unvollständiges Ex­pose' in Erscheinung getreten, wobei Schiller nicht einmal auf die Vorgeschichte von Vandas Vater zurückgreift, der nicht unbedingt nötig für die Handlung sein mag, aber zu reizvoll ist, um übersehen zu werden.

 "Die Nornen" behandelt die düstere Geschichte der drei Si­byl­len und König Theoderich, ein Sagenstoff, über den so ziemlich nichts in Erfahrung zu bringen ist. Sollte Dietrich von Bern gemeint sein? Mit "Die Katastrophe dieses Märchens ist freudig" schließen einige wenige Worte hierzu, die mit "Dem König Theoderich begegnen drei graue Weiber..." beginnen. Streng genommen ist der Titel "Die Nornen" Fiktion, aber in anderen Schriften findet sich ein derartiger geplanter Gedichtstitel, so dass es nicht schwer fällt, einen Zusammenhang herzustellen.

Über "Rosamund" sind wenige Strophen und eine un­zu­sam­­men­hängende, dennoch faszinierende Inhaltsangabe er­halten. Hierbei gab es sowohl den Plan zu einem Drama wie auch zu einer Ballade. Sie gilt als Gegenstück zum "Don Juan" und hat vielleicht von allen Ideen Schillers die finsterste Atmosphäre.


   

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