Rosamund

 

 Seine Wunden mussten tödlich sein, dass wusste er sofort, nachdem er sie empfangen hatte. Halbtot schleppte sich Flo­ri­sel fort zu Rosamund, oder besser dorthin, wo er sie vermutete, in der Hoffnung, endlich ein gutes Wort von ihr zu hören. Um ihret­willen hatte er diese Prüfung auf sich genommen und andere verlassen, nun sollte es zumindest nicht ganz vergebens gewesen sein. Doch - wo befand sie sich...?

Die Instrumente schlugen. Viele Knappen und Fräuleins be­gannen zu tanzen, während der Leichnam diskret entsorgt wurde. Auch Marschall, Truchsess und Mundschenk tummel­ten sich. Rosamund klatschte in die Hände und begann zu sin­gen. Aufmerksam hörte man zu. Das Brautfest hatte begonnen, nur der Bräutigam fehlte noch. Rosamund wusste, dass ihre Zu­neigung zu ihm länger als zu ihren bisherigen Freiern an­halten würde, vielleicht sogar sehr lange. Dabei kannte sie ihn erst kurze Zeit und erschauerte oft in seiner Anwesenheit, doch gerade das machte die Sache spannend. Stets hüllte er sich in dunkle Gewänder; sie hatte ihn sehr eindringlich ge­beten, zumindest an ihrem heutigen Festtag etwas Helles zu tragen. Innerlich ahnte sie allerdings, dass es dazu nicht kommen würde, und Schwarz stand ihm gut. So gesehen durfte es ihr gleichgültig sein.

Seine Diener meldeten die baldige Ankunft ihres Herrn. Auch sie waren ausschließlich in dunklen Kutten zu sehen, allesamt mit ei­nem seltsamen Abzeichen versehen. Rosamund hatte mit ihrem Bräutigam bereits vereinbart, dass sie in seinem Land mit ihm leben wollte. Viel würde sie hier nicht vermissen, und viel wusste sie auch nicht über das andere Land, außer dass es sehr weit weg lag und dass es, obwohl offenbar südlich gelegen, nicht gerade südliche Tem­paraturen spendete.

"Sag an, wo liegt dein fernes Reich?" hatte sie ihn bereits kurz nach ihrem Kennenlernen schelmisch gefragt. "Im Süden oder Norden? Wie heißt der Fluss, der durch dein Land zieht, und an welche Grenzen stößt dein Staat?"

"Mein Land stößt an keine Grenzen", hatte er geheimnisvoll gelächelt. "Auch von Norden kann man nicht unbedingt spre­chen, es liegt weit unten."

"Doch nicht unterhalb der Erde?" scherzte sie.

"Und einen Fluss gibt es nicht, leider auch keine Rosen. Die Sterne leuchten dort nicht. Es liegt sehr weit weg."

"Mehr als eine Tagesreise?"

"Mehr als eine Tagesreise."

Keine Rosen? Das hatte sie doch etwas irritiert. Als hätte er ihre Gedanken gelesen, versicherte er ihr, dass sein Land den­noch von einer gewissen Schönheit sei, je nach Standpunkt des Be­trachters. Die Größe sei dabei das Herausragende. Und Blu­men habe sie doch eigentlich nie besonders gemocht, nicht wahr?

Eigentlich machte sie sich keine Illusionen. Wie ihr ging es, das musste ihr klar sein, auch ihm in erster Linie um sich selbst und darum, mit dem anderen sich schmücken zu können wie mit einem Edelstein. Dass er sie liebte, konnte sie sich nicht vorstellen, und er hatte dieses Wort auch nie in den Mund ge­nom­men. Aber seine geheimnisvolle Aura und seine ge­schick­ten Komplimente beeindruckten sie.

Auch handelte es sich bei ihm um einen fürstlichen Spröss­ling, ja um mehr als das. Sein Alter schien alterslos, er war bereits Herr seines Landes. Und noch nie hatte sie ein gutes Wort von ihm gegenüber seinen Dienern erlebt, und gerade das gefiel ihr. 

Während sie auf den Prinzen wartete, erinnerte sie sich lächelnd an die zwei Brüder, die sich ihretwegen entzweit hatten und ein tödliches Duell miteinander ausgefochten hatten. Dummerweise fiel derjenige, der ihr etwas besser gefallen hatte. Als der Sieger ihre Hand forderte, hatte sie ihm ins Gesicht gelacht. Dass er sich noch in der gleichen Stunde erdolchte, bedauerte sie, aber befohlen hatte sie ihm das nicht.

Es war ein Jahrmarkt gewesen, und unmittelbar nach dem Kampf wurde die Botschaft eines fremden Prinzen gemeldet, den sie jetzt als Bräutigam erwartete. Sein Hofstaat strahlte große Pracht aus, und die Gaukler in seinem Gefolge maßen sich mit ihren Gauklern. In Geschick und Humor übertrafen die Künstler des Prinzen die ihren, vor allem jener Baumeister mit der Leier. Bewundernd blickte sie im ersten Moment ihres Ken­nen­lernens dem Prinzen entgegen, der ihr die Hand reichte und ihre Diener zurück weichen ließ. So wie sie auch jetzt erwartete, dass er ihr die Hand reichen würde. Doch sie lenkte die Gedanken erneut zur Stelle ihres Kennenlernens: Zur Belebung des Jahrmarkts hatte sie ein be­son­deres Bubenstück vor­geschlagen, das ihn nicht überraschte, er ergänzte ihre Vorschläge und brachte sie so weit, dass sie nur noch staunend zu­stimmen konnte. Selbst­ve­rs­tänd­lich be­stan­den seine Zau­be­rer auch diese Prü­fung.

Aus irgendeinem Grunde flog ihr ganzes Leben innerlich vor ihr vorüber, während sie geschmückt vor sich hinwartete. Warum gerade jetzt? Sicherlich handelte es sich um einen bedeutsamen Wendepunkt in ihrem Leben, aber warum musste sie plötzlich diese - Bilanz ziehen? Sie wollte diese Erinnerungen nicht sehen.

Ihr Vater hatte sie zur Bescheidenheit erzogen, zu einer Tugend, deren Sinn sie nicht wirklich einsehen konnte. Was für einen Grund sollte es geben, sein Licht unter den Schffel zu stellen? Leider hatten sie und ihr Vater sich immer mehr voneinander entfremdet. Als er ihrer Pflege be­durf­­te, hatte sie auf ihre jüngeren Schwestern verwiesen. Zu ihrer Familie bestand kein Kontakt mehr. Eine innere Stimme hatte sie gewarnt, aber sie hatte sie innerlich beiseite gescho­ben.

Und genau um diese innere Stimme handelte es sich, die sie jetzt erneut zu hören glaubte. Was sie sprach, konnte Rosa­mund nicht verstehen, aber es konnte nur mit dem bedeut­samen Band der Eheschließung des heutigen Tages zu tun haben. Sie lauschte innerlich. Noch immer gelang es ihr nicht, die Worte klar und deutlich vernehmen, doch glaubte sie die Stimme des Ritters wiederzuerkennen, dem sie ein paar letzte Worte ver­weigert hatte und der sie dennoch nicht verwünscht hatte. Jetzt schüttelte sie sich nicht nur innerlich. Es wurde Zeit, dass sie sich auf reale Vorgänge konzentrierte und sich nicht ständig von Visionen lenken ließ.

Ihr bester Freund seit ihrer Jugendzeit bestand aus Glas, bei ihm handelte sich um einen besonders schönen Spiegel. Es hat­te sie beinahe tödlich getroffen, dass es mal Gerüchte über ei­ne größere Schönheit gegeben hatte. Nur in Anwesenheit ih­rer engsten Zofe hatte sie hierüber die Beherrschung verloren. Aber das lag lange zurück. Ihre Zofe hatte sie längst verstoßen; es wurde ihr peinlich, dass sie sich in Gegenwart einer Dienerin hatte gehen lassen.

Und endlich kam er, schön wie die Nacht.

Als Hochzeits­ge­schenk hatte er ihr einen ganz besonderen Jagdausflug ver­sprochen. Dabei wurde er nie so richtig konkret, und obwohl sie alles für die Abreise hatte packen lassen, war ihr immer noch nicht klar, ob die Jagd ein eigener Ausflug oder bereits der Start der Expedition in das Land ihres Mannes sein sollte. Zu ihrer Überraschung ging es direkt nach der erstaun­lich knapp abgehandelten Zeremonie damit los, ohne sich lange mit dem Hochzeitsschmaus aufzuhalten.

Sie reisten lange. Auf ihrem Weg kamen sie vorüber an Bild­­­säulen, Tempeln und Gärten, an der Hütte eines Ein­siedlers, der Rosamund seltsam betrachtete. Riesen, so hieß es, würden in dieser Gegend hausen. Die wilden Tiere ließen sich nur noch vereinzelt sehen. Spärlich wurden ihre Spuren. Die Nacht brach herein, und obwohl Rosamund ihren Mann mehrmals um eine Rast bat, reagierte er nicht. Riesige Vögel erschienen am Himmel. Fast entwickelte sie den Verdacht, dass es sich um Harpyien handelte. Blasse Schatten konnten am Horizont aus­ge­macht werden, sie strahlten in fahlen Farben. Der Hufschlag ihres Pferdes. Das Schweigen im Walde.

Allmählich wich Ro­sa­­munds Beklommenheit nicht mehr, sondern nahm zu, und frierend ritt sie ihrem Mann hinterher, auf eine unbekannte Heimat zu.

 ENDE

 


   

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