Das Siegesfest

 

Die Arbeit konnte sich sehen lassen, die Einnahmen ebenso. Dagegen gehörten die Methoden nicht unbedingt zu den fein­sten, wie Odysseus sich selbst in stillen Stunden ein­ge­stand, aber der Zweck heiligte eben die Mittel.

Der ursprüngliche Sinn dieses Krieges hatte mit der er­zwun­ge­nen Rückkehr Helenas zu Menelaos seine Erfüllung ge­fun­den.

Was dieser daraus machte, sollte seine Sache sein. Kein Grieche würde Menelaos ernsthaft einen Vorwurf zu machen wagen, sollte er die Rechte des Siegers gegenüber seiner leichtl­ebigen Gattin konsequent in Anspruch nehmen, so grübelte der Ithaker. Aber so stand es natürlich nicht ganz - obwohl Menelaos mehr als Grund zu der Annahme hatte, dass Helena vor Jahren eben nicht das völlig unschuldige Opfer der Entführung durch Paris war, das sie zu sein ihm und der Meinung des Volkes vorgaukelte. Sie passte sich den aktuellen Ge­geben­heiten schnell an, das mochte moralisch fragwürdig sein, aber doch gesünder. Und fragte Menelaos ernsthaft danach, wenn sie wieder friedlich und brav die Beine für ihn breit machte?

Es musste außerdem als das gute Recht des Siegers gelten, seinen Sieg ausgiebig zu feiern, denn wer wusste schon, was morgen käme. So ließen sie denn auch ausgiebig die Becher klingen und die Lagerfeuer bei den nächtlichen Ruhepausen länger als nötig brennen. Einen etwas sorgenvollen Blick in die Zukunft konnte Odysseus sich allerdings nicht verkneifen. Die Reise in die Heimat würde beschwerlicher als die Ankunft auf Troja werden, allein schon wegen der enormen Anzahl von Ge­fan­ge­nen, Sklaven, Silber und anderer Beute. Fraglich auch, ob nach rund zehn Jahren wirklich noch alles in der führungslosen Heimat des Wiedersehens wert wäre.

Jeder Sieg, so glanzvoll er auch schien, verkörperte eben nur eine Episode.

Beim Würfelspiel um die weibliche Beute hatte der Ithaker nicht wirklich Glück gehabt, er bekam die kaum als taufrisch zu bezeichnende Witwe des Priamos zugeteilt. Sogar dem toten Helden Achill hatte man mit dem Brandopfer der jüngsten Tochter des Priamos eine attraktivere Prämie und damit mehr Eh­re zukommen lassen. Dabei wusste doch jeder, dass die letz­ten Endes erfolg­reiche Idee mit dem Riesenpferd von ihm, Odys­seus, kam.

Interessiert beobachtete er den Zug der Sklavinnen zu den Schiffen. Andromache, die Witwe des trojanischen Prinzen Hektor, beherrschte sich ganz gut, wenn man berücksichtigte, dass die Griechen ihr den Säugling von der Brust gerissen hatten und... er dachte lieber nicht zu Ende. Auch in ihrem Kummer sah sie immer noch so aus, dass ihr neuer Besitzer sich glücklich schätzen durfte. Den Sohn Hektors hätte man ihr eigentlich lassen können, dachte Odysseus für sich. Dennoch, auch dies kein Akt des unüber­legten Affekts. Oder wollten sich die Griechen einen Rächer heranziehen?

Dagegen die angebliche Seherin Kassandra, deren tem­pe­ra­mentvolles Gekeife sich nach der Vergewaltigung durch den wilden Ajax in resignierte Zurückhaltung gewandelt hatte! Auch wenn er nur gedämpftes Mitleid mit den tief gefallenen Frauen fühlte, schüttelte Odysseus den Kopf. Wie Kavalliere hatten sie sich wirklich nicht verhalten. Zumindest der alte Pria­mos hätte als der Repräsentant seines Landes einen wür­di­ge­­ren Tod verdient gehabt als einfach durch Achills Sohn Ne­op­­to­lemos einen Kopf kürzer gemacht zu werden. Immerhin hat­te ihm Achill selbst ihn in seinem Zelt Obdach gewährt und seinen selbstmörderischen Mut bewundert, als Neoptolemos noch mit der Rassel spielte.

Die Gedanken des Griechen konzentrierten sich erneut auf Andromache und Kassandra. Sollte Letztere wirklich in der Lage gewesen sein, das Unheil ihres Volkes vorhergesehen zu haben, wie es hieß, so musste sie auch um die Unentrinnbarkeit gewusst haben, zumindest jetzt schien sie zu wissen, dass sie das, was ihr bevorstand, nicht ändern konnte. Kunststück, als Gefangene. Den­noch irritierte ihn bei aller Selbstversunkenheit der Magierin, dass in ihren Zügen ab und an gewisse Formen der Zufrie­den­heit durch­schim­merten, als wüsste sie, dass es mit diesem Sieg für die Griechen noch nicht getan war.

Dass das letzte Wort noch nicht gesprochen sein mochte.

Odysseus versuchte sich das vergebliche Flehen von Hek­tors Witwe um ihren Sohn vorzustellen und fragte sich, wie das Wechselspiel in ihren Zügen ausgesehen haben könnte, als sie mitansehen musste, dass man ihren einzigen Sohn die Burg hinunter warf. Er selbst hatte, den Göttern sei Dank, an anderer Stelle den Kampf gesucht.

Mit interessierter Distanz erinnerte er sich auch an die Vorkommnisse um den Beginn des Krieges herum, als die Griechen den minderjährigen Sohn des Priamos vor den Augen des entsetzten Vaters zu Tode steinigten. Natürlich klang das alles nicht sehr heldenhaft, das gab er gerne zu, aber zu Ge­wis­sens­bissen bestand eigentlich kein Anlass.

Die Rückkehr würde wirklich nicht einfach werden. Sogar die optimistischsten Wetterschauer hatten heftige Stürme vor­her­­ge­sagt, aber die Mannschaft wollte jetzt nicht länger warten. Viele sehnten sich in Richtung dessen, wo sie die Illusion wähn­­ten, dass Vertrautes auf sie warte. Die Helden waren ein­fach müde.

Es dürfte interessant werden, wie Klytemnästra ihren Aga­memm­­­non aufnehmen würde. Ob sie vergeben und vergessen hat­te, dass der König der Griechen seine und ihre Tochter Iphi­ge­nie an die Götter regelrecht ver­kauft hatte, um gut Wetter zu erbitten? Odysseus wollte beim besten Willen nicht mit dem König tauschen. Offenbar hatte dieser das Ganze ver­drängt, und eheliche Treue schien ihm auch nicht die Tugend Nummer eins zu sein. Seine Skla­vin­nen konnten einem leid tun. Das Geheule der Frauen wurde langsam anstrengend, Odysseus wandte sich ab.

Er fragte sich, wie es um ihn selbst bestellt sein mochte.

Wenn das Wetter günstiger wäre, als die Seher annahmen, konnte er relativ schnell wieder heimatlichen Atem schöpfen. Telemach, sein Sohn, würde jetzt kein Kind mehr sein. Und das Weib des Ithakers? Das Haar Penelopes mochte möglicher­wie­se schon grau geworden sein. Ob die frühere Behaglichkeit sich sogleich wieder einstellen würde? Konnte sich das Land vor Feinden sicher fühlen? Wie stand es um die aufdringlichen Edelleute in seiner verwaisten Burg, Schmarotzer, die sich selbst in der Anwesenheit des Odysseus nur schwer im Zaum halten ließen? Ob seine Mutter noch lebte?

Jeder Sieg konnte sich nachträglich in eine Niederlage verwandeln.

Wie würde es werden?

  


   

Eigene Webseite von Beepworld
 
Verantwortlich für den Inhalt dieser Seite ist ausschließlich der
Autor dieser Homepage, kontaktierbar über dieses Formular!