Der Taucher

(c) Olaf Materne nach Schillers gleichnamiger Ballade

      

 "Wer wagt es, Rittersmann oder Knappe, zu tauchen in diesen Schlund?“

Der König warf einen goldenen Becher in das Geheul des Meeres. Sofort wurde dieser vom Strudel verschluckt, und ängstlich blickten Ritter und Knappen hinunter. Der Strudel entfernte sich unmerklich, doch seine Anwesenheit hatte Spuren bei den Kühnsten hinterlassen.

„Wer ist der Beherzte?“ bellte der König. „Wer den Becher findet, darf ihn behalten. Ihr habt ihn alle gesehen, er besteht ganz aus Gold! Wer ihn gewinnt, braucht nie wieder zu ar­beiten!“

Das Schweigen hörte sich komisch an. Verblüfft zeigten sich die Frauen über den Mangel an Mut an ihrem Hof und ließen einige provozierende Worte hören. Doch niemand rea­gierte hierauf in der gewünschten Art und Weise. Der eine oder andere entfernte sich vom Schauplatz des Geschehens. Fast mitleidig schüttelte die Tochter des Königs den Kopf.

„Muss ich ein drittes Mal fragen?“ Jetzt klang der König nicht nur unwillig, sondern schien es auch zu sein.

Unter dem Fußvolk drängte sich ein junger Knappe an den Rand des Meeres. Kess stellte er sich als Pescecola vor. Verdutzt wich die Menge zurück, und irritiert blickte der König. Er spürte schon eine gewisse Fürsor­ge­pflicht und hätte dem Jungen gerne zugerufen, er möge seine Kräf­te für die Zeit des Heranwachsens schonen. Doch nun hat­te er zu diesem Spiel aufgefordert, und die Teil­nahme­be­dingungen, nämlich keine, jetzt noch zu ändern, wäre auch und gerade gegenüber dem Knappen nicht fair gewesen.

Schnell hatte sich der Knappe entkleidet und blickte nun furchtlos, wie er glaubte, in den Schlund des Meeres. Aber na­tür­lich forderte seine Jugend ihren Tribut, der selbst­verständlich nur aus Angst vor der eigenen Courage bestehen konnte. So stand Pescocola einige Sekunden vor dem unheim­lichen Gewässer. Doch er wusste, dass er auf seine wohl erprobte Sportlichkeit vertrauen konnte. Ein erstes Abenteuer musste jetzt einfach an der Zeit sein. Dennoch schien es ihm ein Segen, dass seine Eltern sich nicht vor Ort befanden, sie hätten ihn in Verlegenheit gebracht, wenn nicht gleich das ganze Vorhaben zu vereiteln gewusst.

Wieder verschwand der Strudel, und der Junge wusste, dass es nun an der Zeit war, seiner geäußerten Bereitschaft Taten folgen zu lassen. So sprang er schließlich hinunter in die entsetzliche Tiefe.

Dieses Gewässer widerstand allen Naturkäften, sein Körper wur­de nach unten gezogen, und der Strudel hatte ihn schließlich mit sich gerissen. Pescecola fühlte sich wie ein Kreisel in der Geschwindigkeit, der er sich nicht entziehen konnte. Jetzt ging es ums Leben, denn so langsam ging ihm die Kraft aus, mit den rudernden Armen dagegen anzukämpfen, noch weiter in die fremde Tiefe hinabgesaugt zu werden. Ein in doppelter Hin­sicht hervor ragendes Felsenriff schien ihm seine letzte Rettung zu sein, er griff danach und hatte Halt gefunden. Unmittelbar in greifbarer Nähe hing auch der Becher, der sich in Korallen verfangen hatte. Es war ein Wahnsinnsunter­nehmen, das eigentlich nie gelingen konnte, schließlich hatten sowohl der Taucher wie auch der Becher es nur dem gnädigen Zufall zu verdanken, nicht noch weiter in der kritischen Mee­res­tiefe abzusinken. Als er den Becher an sich gepresst hatte, der ihm nunmehr ein sorgenfreies Leben garantieren sollte, sofern er die Sonne je wiedersah, riskierte er einen Blick nach unten.

Gar nicht allzu weit unterhalb seiner Knie sah Pescecola die wunderlichsten Kreaturen, die er sich selbst in den kühnsten Visionen nicht hatte erträumen können, das übertraf noch das abenteuerlichste Bilderbuch aus seiner Schulzeit. Wie ein Gebirge wirkte der Ozean an dieser Stelle, und jetzt wurde es langsam eng mit der Luft. Die Zeit tickte hier unten anders. Taub fühlten sich nicht nur zeitweise seine Füße an, ein denk­bar ungünstiger Umstand hierzuwasser, sondern auch sein ohnehin nur mittelmäßig ausgeprägtes Gehör, das lag in der Natur der Sache. Haie hatten es nicht nötig zu brüllen. Sala­mander glitten an seinen Füßen vorüber, Molche und seltsame mittelgroße Echsen glitten professionell durch die fremde Welt. Einige Male sah er nur schwarz, ein grauenvolles Schwarz, ein Tintenfisch wälzte sich vorüber, ohne ihn eines Blickes zu würdigen, und dafür fühlte der Knappe Dankbarkeit. Auch ein Haifisch oder ein anderes Monstrum ließ sich in der Ferne sehen.

Tief betrübt fühlte der Knappe Gefühle, die er niemals erahnt hatte. Dies war ein schreckliches Reich, unerforscht von menschlichen Spuren. Möglicherweise repräsentierte er hier den Exoten, denn nicht für das grausige Getier, sondern für ihn stellte das Ganze eine Befremdlichkeit dar, die auch den Mu­tigsten erzittern lassen musste, ganz abgesehen von der Tatsache, dass ihm so nach und nach immer mehr die Luft ausging. Die Einsamkeit setzte ihm zu und fügte ihm den bislang größten Schrecken zu, den er bislang gefühlt hatte. Hier konnte er nur auf sich selbst rechnen. Dass ihm einer der Ritter nachsprang und ihm heraushelfen würde – na, da wäre göttliche Hilfe realistischer gewesen.

Gelenke griffen nach ihm, fremde Bewegungen bewegten sich auf ihn zu. Die Untiere verfügten über eine gewisse Schönheit, aber es handelte sich um die Schönheit des Tötenden aus der Sicht des Opfers, um eine schreckliche Schönheit, die er dennoch intensiv verspürte und nie wieder vergessen sollte.

Auch die Außenwelt hatte Pescecola nicht vergessen. Schweig­sam blieb die Menge und blickte verstohlen in die Tiefe hinab. Es kann im Nachhinein nicht genau festgestellt werden, ob die Zeit außerhalb oder innerhalb des Meeres schneller verstrich.

Doch endlich wurde sein wachsamer Arm sichtbar, und Jubelrufe ertönten. Der am lautesten schrie, war natürlich der König. Zu Tode erschöpft bewegte sich der Knappe auf den König zu, reichte ihm den Becher und sank oder besser stürzte auf die Knie, begann zu berichten und schloss mit den Worten:

„In des Schreckens Wahn lass ich los der Koralle um­klammerten Zweig, gleich fasst mich der Strudel mit rasendem Toben, doch es war mir zum Heil, er riss mich hinauf!“

Der König staunte. Eine fremde Welt lag vor ihm; er be­gehr­te sie zu besitzen, mehr von ihr zu erfahren. Gutmütig lächelnd drückte er dem Knieenden den Becher in die Hand und hieß ihn aufstehen. Auf einen Wink füllte seine Tochter den Becher mit einem speziellen Wein, den der König für große Anlässe aufgehoben hatte.

„Der Becher gehört dir. Und wenn du willst, schlage ich dich noch heute zum Ritter!“

Pescecola lächelte glücklich.

„Doch vielleicht willst du den glücklichsten Tag deines Lebens zu deinem allerglücklichsten Tag küren?“ forschte der Herrscher.

Es war der Wein, der den Knappen belebte und ihn von seinem matten Zustand befreite. Mut ergriff ihn erneut, und er verstand die Worte des Königs und auch das, was er bewusst zu sprechen unterließ, sehr genau.

Der König zückte einen Ring und hielt ihn gegen die Sonne. Es handelte sich hier um einen ausgesucht schönen Ring, wie er dem Taucher erzählte. „Auch er soll dir gehören, wenn du noch ein zweites Mal in die Fluten tauchst und mir berichtest!“

Hier griff seine Tochter ein und mahnte an den großen Zufall, dem es allein zu verdanken gewesen sei, dass Taucher und Becher unversehrt vor ihnen standen.

„Ob die Götter Grund haben, auch ein zweites Mal großzügig zu sein?“ fragte sie zweifelnd.

Erneut griff der König nach dem Becher und stürzte ihn ins Meer.

„Hol mir den Becher zurück, und noch heute wirst du mich Vater nennen dürfen!“

Die Menge jubelte über die bevorstehende Hochzeit. Während die junge Frau halb aus welchen Gefühlen auch immer ohnmächtig niedersank, besann sich der werdende Ritter nicht lange und ging den Weg, den er bereits ein erstes Mal erfolgreich beschritten hatte.

Sie hörten die Brandung. Die Wellen rauschten herauf und hernieder. Die Minuten krochen dahin. Sie warteten auf den Schwimmer. Sie warteten lange.

  

 


   

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