Herzogin Vanda

 

 Die Last ihres Namens zu tragen, hatte Vanda nie allzu viel ausgemacht, aber inzwischen empfand sie die Vergangenheit ihres Vaters schon ein wenig als Belastung. Als sie auf der Suche nach Informationen über die Gründung Krakaus in alten Unterlagen blätterte, stellte sie fest, dass nichts Schriftliches die Macht der mündlichen Erzählung zurückdrängen konnte. Ins­be­sondere wenn sie von Krakus handelte, ihrem Vater und dem Gründer ihrer Geburtstadt.

 In romantischer Stimmung wartete Smok an der Grotte. Er liebte die Einwohnerinnen dieser Stadt. Problemlos konnte er auch tagelang ohne eine von ihnen auskommen, er bemühte sich, keiner von ihnen mehr weh zu tun als nötig. Inzwischen fühlte er sich von der Bevölkerung Krakaus wenn auch nicht be­­din­gungs­los geliebt, so doch respektiert. Möglicherweise wuss­­ten es die Väter der noch jungen Stadt zu schätzen, dass er nicht wahllos innerhalb Krakaus wütete, sondern offen am hellich­ten Tag nahm, was er zum Leben brauchte. Für den Fort­bestand des Herzogtums musste es positiv sein, dass er die jun­gen Männer und Kinder sowieso verschmähte. Dafür Dank­bar­keit zu erwarten, wäre natürlich naiv gewesen, das wusste Smok selbst.

Smok pflegte seine Opfer nicht lange zu quälen. Ge­wöhnlich bereitete er sie an Ort und Stelle zu. Das sollte nicht bedeuten, dass er nicht auch Tie­re zu schätzen wusste, besonders Geflügel und Lämmer hat­ten es ihm angetan. Ihre Schreie schmerzten seine Ohren je­doch nicht geringer als die seltsamen Laute der menschlichen Beute, wenn er sich entsprechend bediente. Smok tötete nicht gerne und würde manches darum geben, das Fleisch bereits bearbeitet vorzufinden. Die Karsthöhle bildete eine brauch­bare Vorrats­kammer, und die direkte Lage an der Weichsel konnte guten Gewissens als günstig bezeichnet werden.

Jüngst hatte Smok einen Pakt mit Krakus, dem Beherrscher dieser Gegend, ausgehandelt. Er schätzte seine Loyalität. Ge­mein­sam hat­ten sie eine gewisse Möglichkeit erfasst, seine Er­näh­rungs­ge­wohn­­heiten etwas mehr auf Schafe umzustellen. Gut­mütig hatte Smok sein Einverständnis geäußert, eine Jung­frau weniger im Monat zu reißen, wenn ihm Krakus per­sön­lich an jedem Monatsersten ein getötetes Schaf überließe. Unge­duldig blickte Smok zum Horizont. Eigentlich sollte es bald so weit sein.

 Da lag es ja. Unweit vom Höhleneingang befand sich ein appetitlich zubereiteter Schafskadaver. An diese Übereinkunft würde sich Smok schnell gewöhnen. Ihm gefiel die Zuver­läs­sigkeit seines Verhandlungspartners. Das Schaf schmeckte vor­züglich, die Würzung erschien ihm als sehr präzise, fast schon zu­viel des Guten, denn noch während er fraß, begann ihn der Durst zu quälen. Sehnsüchtig warf er einen Blick zur Weichsel. Eigentlich gehörte es weniger zu seinen Sitten, eine Mahlzeit nicht zu beenden, doch hier hatte höhere Gewalt die Finger im Spiel. Smok beugte sich nieder zum Wasser und trank.

Langsam merkte er, dass etwas mit ihm nicht stimmte. Der Durst wurde nicht weniger. Panik ergriff ihn, und er begann schnel­ler zu trinken. Als er platzte, nickten sich Krakus und seine beiden Diener zu, sie hatten mit geziemendem Sicher­heits­­abstand in der schützenden Umgebung des Ge­büschs ge­lauscht. Jetzt erst konnte Krakau als wirklich frei be­zeichnet werden.

Die Festtage dauerten lange, aber Krakus war nicht zu­frieden. Die Stadt brauchte Kultur und nicht nur Sicherheit und Amüsement. Den Männern gefiel es, aus der Karsthöhle auf Genehmigung des Krakus eine Schenke zu bauen, den Frauen weniger. Und auch Krakus hätte es vorgezogen, die Höhle für alle Zeiten zu verschließen. Wie stand es denn nun um das kul­tu­relle Niveau der Einwohner Krakaus? Gering sah es aus.

Immer­hin würde in wenigen Tagen der berühmte Nür­n­be­r­ger Holz­schnitzer Veit eintreffen und einen kunstvollen Altar her­stellen. Ein Anfang schien gemacht. Krakus nickte be­däch­tig vor sich hin, aber noch nicht völlig befriedigt. Vielleicht wür­de er es sein, wenn ihm seine Frau endlich nach seinem Töch­­terchen Vanda und nach dem ersten Sohn, benannt nach ihm selbst, einen zweiten Sohn gebären würde. Einen Namen hat­te er bereits ausgesucht: Le­chus. Krakus schätzte keine Na­men, bei denen Ver­wechslungsgefahr die Identität ver­schlei­erte.

Dass Vanda schon bald als erste Frau persönlich das Zepter schwin­­gen sollte, ahnte noch keiner. Sie liebte Sport und Un­abhängigkeit. Wann immer Krakus ansetzte, seiner Tochter von seinen Erlebnissen mit Smok zu berichten, stand sie auf und verließ den Raum. Aus Politik machte sie sich nicht viel und be­gann sich erst damit zu beschäftigen, als es notwendig wur­de. Sie schätz­te ihr Land durchaus. Krakau galt als Staat, in dem Stei­ne sprechen.

Sprechen konnten sie auch auf der Jagd. Lechus versicherte bei ausgedehnten Jagdunternehmen seinem älteren Bruder im­mer wieder, wie sehr er ihn verehrte. Im gesamten Staat wurde be­reits über diese Art Affenliebe gespöttelt.

Es erschien vielen ein Segen, dass gemäß Tradition der älteste und nicht der jüngste Sohn die Nachfolge des Herzogs antreten würde. Bei ihrem letzten gemeinsamen Jagdausflug kam der Bruder des Lechus ums Leben. Es dauerte eine Weile, bis endlich geklärt wur­de, dass Lechus höchstpersönlich aus Machtgier einen Attentäter beauf­tragt hatte, das Leben seines älteren Bruders auszuhauchen. So fiel die Regentschaft an Vanda.

Die Tochter des Krakus hatte nie das Verlangen gespürt, sich einem Mann hinzugeben. Insgeheim ekelte sie sich vor jedem Mann und hoffte, diese Art Ekel nie zu deutlich zeigen zu müssen. Natürlich musste sie es als legitim hinnehmen, dass ihr als frischgebackener Herrscherin auch der eine oder andere An­trag gemacht wurde. So wie es ihre Besucher auch hin­nehmen muss­ten, dass sie jedem von ihnen die gleiche nicht be­sonders ermutigende Antwort gab. Einer von ihnen ging nicht gut mit seinem Korb um, er hieß Rüdiger und erklärte ihr den Krieg. Eine interessante Retourkutsche, dachte Vanda in­nerlich schmun­­zelnd, allerdings sah die Sache jetzt nicht mehr so sehr zum Schmun­zeln aus.

Rüdigers Heer kam aus einer Gegend mit dem seltsamen Namen Pommerland. Unentschlossen standen sich beide Heere gegenüber, Vanda selbst trug eine Rüstung. Die Herzogin sah, dass die Berater Rüdigers sein Pferd umringt hatten. Sie deu­teten mit den Armen auf Vandas Heer und wirkten sehr passiv. Van­da vermutete, dass es was mit Skrupeln zu tun hatte, eine Frau zu bekämpfen. Dann sah sie, dass Rüdiger vom Gaul herunter stieg und sich das Schwert in den Bauch jagte.

 Jetzt hatte Vanda die Unterlagen durchgearbeitet. Mit den Pom­mern hatte sie in einem betäubten, halb entrückten Zustand Frie­­den geschlossen. Sie konnte Rüdigers Handlungsweise nicht be­grei­fen. Und von ihr erwartete das Volk, dass sie sich end­­lich mit einem Mann vereinigte. Ein Mann muss ans Ruder, die Erb­folge gesichert sein und so weiter.

Die Argumente, die sie in den Unterlagen gesucht hatte, ließen sich nicht finden. Aber als sie auf ihrem weißen Pferd in der gleichen Rüstung saß, in der sie Rüdiger gegenüber gestan­den hatte, lauschte ihr Volk und wartete auf ihre Rede.

Vanda begann von den Sagen um ihren Vater zu erzählen. Dabei hoffte sie, dass es ihr gelang, einen Bezug herzustellen, der das Volk von der Rechtmäßigkeit ihrer Frigität überzeugen konnte. Mög­licherweise würden ihre Untertanen es zu akzep­tieren versuchen. Neue Wege bot sie ihrem Volk an, die Er­kennt­nis der Selbsterkenntnis, die Besinnung auf sich selbst an­statt auf irgendwelche Ehepartner.

Der einzige Mensch, in den sie sich für die Dauer eines Augenblicks verliebt hatte, war Rüdiger in der Stunde seines Selbstmords, wie sie ihren Untertanen mitteilte. Nach ihm konnte es nie wieder eine Liebe für sie geben. Und als das Volk er­griffen schwieg, aber nicht von seiner Meinung wich, zügelte sie ihr Pferd und lenkte es über den Abgrund an der Karsthöhle vorbei hinein in die Weichsel.

 

  


   

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